2C for ART

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Deniz Alt

Eine junge Frau blickt stolz und erhaben den Betrachter an. Sie trägt ein aufwendig gestaltetes Gewand, ihre Haare sind durch ein großes Tuch verdeckt. Während ihr Gesicht kaum im Detail auszumachen ist, sind es ihre Augen, die sich den Blicken von Außen stellen und ihnen standhalten. Ausdrucksstark, voller Kraft und Lebensfreude, scheint diese junge Frau genau zu wissen, wo sie steht und wer sie ist. Ihr Name: Tîr-î-Müjgan Ücüncü Kadin Efendi (1819 – 1853), war vermutlich eine Tscherkessen-Armenierin aus dem Ostschwarzmeerraum des Osmanischen Reiches.
Als dritte Frau des Sultan Abdulmecid I., ist sie die Mutter von Sultan Abdulhamid II.
Dieser ging als roter Sultan in die Historie ein, denn er war verantwortlich für das große Massaker am armenischen Volk in den Jahren 1894 bis 1896.
Als Deutsch-Türke mit armenischen Wurzeln beschäftigt sich Deniz Alt in seiner Malerei seit vielen Jahren mit dem Völkermord an den Armeniern.
Einer seiner Schwerpunkte in der künstlerischen Auseinandersetzung lag bisher vor allem auf dem Massaker, das durch die jungtürkische Bewegung im Jahr 1915 und 1916 an dem armenischen Volk verübt wurde. Er konfrontierte den Betrachter mit Leid und Schicksal dieser Menschen, malte in expressiver Manier ausgemergelte und Blut überströmte Frauenkörper mit Schmerz verzerrten Gesichtern oder Orte, von denen aus die Armenier deportiert wurden. Diese Werke wurden unter anderem in Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen ausgestellt. Die Massaker an den Armeniern sind zu einer kollektiven Erinnerung geworden, die geprägt ist von Elend, Tot und großem Leid. Deniz Alt betrachtet diese Erinnerung, die nicht seine eigene ist, aus verschiedenen Perspektiven
heraus, insbesondere stellt er immer wieder Frauen und leere Räume dar, verschwommen und nicht greifbar. Der Schleier der Zeit hat sich darüber gelegt, die Erinnerung daran ist vergänglich.

Für ihn bietet die Auseinandersetzung mit einer historischen Person wie der Mutter des roten Sultans Abdulhamid II. die Gelegenheit, eine Geschichte zu konstruieren, die so nah wie möglich an die realen Geschehnisse heranrei- chen und auch ein wahrscheinliches Bild von dem Mann zeichnen soll, der für eines der Massaker an den Armenier verantwortlich ist. Tîr-î-Müj- gan Ücüncü Kadin Efendi starb, als der spätere Sultan Abdulhamid II. gerade einmal zehn Jahre alt war. Welche Auswirkungen dieser frühe Ver- lust auf die Entwicklung des Jungen nahm, kann heute nur spekuliert werden. Es ist jedoch gerade dieser spekulative Moment, der zahlreiche Fragen aufwirft, insbesondere danach, ob dies ein Auslöser für den unbändigen Hass auf die Armenier war. Deniz Alt fordert den Betrachter auf, dieses Gedankenspiel aufzugreifen und in seiner Komplexität weiter zu entwickeln.